Drei Jahre nach seinem letzen Album „Tobias Sjögren“, das 2002 bei dem Kölner Label Qrious Records erscheint, veröffentlicht der Gitarrist und Komponist Tobias Sjögren sein neues Album „Unspoken Songs“. Der Schwede liefert seinem Publikum 13 neue Kompositionen, die ganz in der Tradition des Vorgängeralbums stehen und wieder einmal durch eine hervorragende Klangqualität bestechen.
Der 1970 geborene Göteborger spielt seit seinem 12ten Lebensjahr klassische Gitarre; im Verlauf seiner Teenagerjahre bewegt er sich dann mehr und mehr in die Gefilde des Jazz, oder "irgendwo in deren Nähe", wie er es selbst ausdrückt. 1990 beginnt er sein Studium an der Musikhochschule Göteborg, wo er bald feststellt, dass er viel zu beschäftigt damit ist, Musik zu machen, als dass er sich noch allzu ernsthaft ums Studieren hätte kümmern können. So vergehen sechs Jahre "of loose schooling", eine kaum übersetzbar nonchalante Formulierung, während derer er nicht nur sein Studium zum letztlich erfolgreichen Abschluss (1996) bringt, sondern auch sein erstes, eigenes Album veröffentlicht ("Hymn", 1994), gefolgt von einer musikali- schen Adaption ausgewählter Gedichtfragmente des schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf ("Ord På Golvet", 1995). Nur zwei Jahre danach, also gut ein Jahr nach Beendigung seiner Studienlaufbahn, veröffentlicht er dann, im Verbund mit Sa- xophonist und Klarinettist Christian Vuust, das erste
Album ihrer beider neuformierten Band "NORTHERN VOICES" unter dem Titel "The Thule Spirit" (Virgin, 1997), ein Projekt, das traditionelle Melodien Grönlands aufgreift und in modernem Kontext zu neuen Leben erweckt, bald nach Erscheinen für den Grammy nominiert. Mit den NORTHERN VOICES tourte Sjörgren bereits erfolgreich in Nord- und West-Europa, u.a. auch in England und Deutschland. Neben eigenen Projekten wie diesen war und ist Sjögren auch als Komponist und Instrumentalist in fremden Diensten gleichermaßen gefragt wie beschäftigt; Auftragswerke für Ballettinszenierungen sind ihm ebensowenig fremd wie die Erstellung von Soundtracks, verschiedenste Engagements als Sideman (u.a. bei EUROPEAN VOICES, featuring Marylin Mazur, Nils Petter Molvaer, u.a.), oder auch die Arbeit als Produzent im Pop-Sektor. Seine vielseitige Auslastung hindert Sjögren jedoch nicht daran, jedem seiner Projekte das Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, das es zur bestmöglichen Vollendung benötigt; in seiner Ka
rriere zeigt sich eine klare Tendenz zu langfristiger angelegten Entwicklungsprozessen und Produktionen. Sjögren läßt Musik gern reifen, wie edle Weine. So wurde es 2002, bis das Folgealbum der NORTHERN VOICES ("Shaman") erschien; im selben Jahr präsentiert/e Sjögren auch sein bis dato zweites Solo-Album der Öffentlichkeit, schlicht betitelt als "Tobias Sjögren". Die Resonanz auf dieses bildgewaltige Werk war überaus positiv, doch kein Anlass für Sjögren zum Innehalten; seither war er alles andere als untätig. Auf seiner Homepage beschreibt er die Zeit nach 2002 als seine kompositorisch produktivste Zeit bisher. Ergebnis der so bezeichneten Periode ist seine jüngste Veröffentlichung "Unspoken Songs", realisiert mit dem Trompeter und Vokalisten Per Jørgensen, mit dem er schon bei 'The Thule Spirit' kollaboriert hat/te.
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger stellt das aktuelle Album weniger die Mittel und Möglichkeiten der (Multitrack- )Produktionskunst in den Vordergrund, um Sjögrens klanglichen Vorstellungen hörbare Gestalt zu verleihen, sondern konzentriert sich auf die Auslotung des spielerischen Dialogs zwischen Sjögren und Jørgensen, aufgezeichnet live und simultan im Studio; so, wie es geschehen ist. Ein zentrales Element der Spannung in den 13 neuen Kompositionen von Sjögren ist die Stimmung seiner (akustischen) Gitarre: Sjögren hat die beiden tiefsten Saiten durch Bass-Saiten ersetzt, die je eine Oktave tiefer klingen als üblich bei Gitarren; in der Spiel- und Klangweise also ein Hybrid zwischen Sjögrens angestammtem Instrument und dessen tieftönender Verwandten, der Bassgitarre. Diese "Teilung" seines spielerischen Radius' in zwei "Register" erinnerte ihn von den Möglichkeiten her fast an ein Piano und bereitete ihm, wie er sagt, ebenso viel Vergnügen wie das Gefühl einer echten Befreiung: "Der klangli
che Unterschied ist enorm, auch wenn sich mechanisch fast nicht ändert. [...] Es ist, als würde ich Bass und Gitarre gleichzeitig spielen können [...] und das macht eine Menge Spaß." Dieses Vergnügen war eine wesentliche Zugkraft bei der Entstehung der neuen Stücke. "Jede Komposition ist beinah ein Forschungsprojekt [gewesen], was sich mit dieser anderen Stimmungs- und Spielweise ausdrücken lässt, und wie." Das, was Sjögren an Musik für das wichtigste überhaupt hält. "Die Entdeckungsreise; das Erforschen dessen, was da ist und, ganz besonders, was sein könnte". Den Untersuchungen dessen widmen er und Per Jørgensen sich auf Unspoken Songs mit hörbarer Hingabe; fast möchte man von einer Tauchfahrt im akustischen Nordmeer sprechen. Ein Hörerlebnis der stilleren Art, getragen von Gitarre, Stimme (ohne Worte) und Trompete; stimmungsvolle Serenaden für den besonderen Geschmack. "Unspoken" deshalb, weil die meisten Gefühle und Befindlichkeiten mit Worten bestenfalls unzulänglich auszudrücken sind, wie Sjögren ausführt. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.
TEXT: QRious Music
Der Göteborger wächst in einer Künstlerfamilie auf. Seine Mutter Barbara arbeitet als Bühnenbildnerin und der Vater, Dan, ist Schauspieler. „Ich wurde sozusagen im Theater geboren. Außerdem ist mein Bruder auch Musiker. Ich habe also von allem die doppelte Dosis abbekommen und bin genetisch quasi vorbelastet“, flachst Sjögren. Erst im Alter von 12 Jahren beschließt der kleine Tobias, Gitarre zu spielen: „ Ich saß mit zwei eingegipsten Beinen vor dem Fernseher und hörte Göran Söllscher, den besten klassischen Gitarristen Schwedens, spielen. Ich begann Unterricht zu nehmen, und mein Ziel war es, der neue Göran Söllscher zu werden.“
Der junge Schwede spielt zwar viel Klassik, zählt unter anderem Bach zu seinen Lieblingskomponisten, aber es ist in erster Linie die Musik Mike Oldfields, die eine große Anziehungskraft auf ihn ausübt: „Ich war total verrückt nach seiner Musik und identifizierte mich lange Zeit mit ihm, war schon fast besessen von diesem Mann. Schließlich ist es auch ihm zu verdanken, dass ich den Wunsch verspürt habe, selbst zu komponieren und mich musikalisch weiterzuentwickeln.“
Sjögren entwickelt sich auch auf seinem neuen Album weiter: „Ich habe diesmal auf einem neuen Instrument gespielt, einer Mischung aus Gitarre und Bass.
Allein die Tatsache, dass ich auf ihm spielen konnte, hat mir einen solchen Energieschub verpasst, dass ich ständig neue Sachen komponiert habe.“
"Ich habe mich dann jedenfalls auf Lyle Mays´und Pat Methenys Musik gestürzt, auch Garbarek hat mich sehr beeinflusst. Sie waren mein Einstieg
im Bereich Jazz, selbst wenn ich vorher noch John Laughlin und andere Musiker gehört habe. In diesen Jahren habe ich
mich selbst definiert und herausgefunden, welche Richtung ich einschlagen will, was mich interessiert. Diese Phase, die ich damals durchlebte, beeinflusst mich auch heute noch.
Ich kam dann auf´s Gymnasium, wo ich an einem speziellen Musikunterricht teilnehmen konnte. Dort habe ich eine fundierte theoretische
Ausbildung gekriegt, was mir bis heute viel bringt und was ich nach wie vor sehr schätze. Später ging ich auf das Konservatorium in Göteborg, wo ich
an einem individuellen Musikworkshop teilgenommen habe. Glücklicherweise musste ich da nicht ständig in den Unterricht rennen, weil das Angebot sehr begrenzt war.
So konnte ich mich selbst entfalten und war schon fast Autodidakt. Meine musikalischen Fähigkeiten konnte ich dann in zwei Projekten (1993-1995) zum Ausdruck bringen, einmal
"Hymn", mein erstes Soloalbum, dann folgte "Ord på Golvet" (Worte auf dem Boden) in Zusammenarbeit mit dem Bassspieler
Johannes Lundberg und dem Saxophonisten Joakim Milder. Zwei zeitaufwändige Projekte, bei denen ich viel gelernt habe."Letztendlich mündete meine weitere Entwicklung in "Unspoken Songs,"und
für das nächste Album braut sich gerade etwas in meinem Kopf zusammen", scherzt Sjögren." - Unspoken Songs ist ab sofort im Handel erhältlich.
TEXT:Sybille Kielb